Für Designexperten ist die TYPO Berlin ein echter Pflichttermin. Bei der diesjährigen Ausgabe des Kreativ-Events erörterte die internationale Designszene vom 12. bis zum 14. Mai die mentalen Werkzeuge der Gestaltung und diskutierte in Workshops und Vorträgen die Zukunft von Kommunikation und Design.

Klar, dass Uli Staiger bei diesem Event nicht fehlen durfte. Der Fotograf, Bildbearbeiter, Trainer und Buchautor gehört schließlich zu Deutschlands bekanntesten Fotokünstlern und setzt mit den Werken seines Berliner Fotostudios die licht gestalten Standards für Digital Art. Ein echter Hochkaräter also, der auf Einladung von Fotolia by Adobe bei der TYPO Berlin Rede und Antwort zur Entstehung moderner Werbemotive stand. Wir haben Uli getroffen, um über seinen Vortrag zu sprechen.

Asphaltsegler
Asphaltsegler © Uli Staiger

Hallo Uli, vielen Dank für das Gespräch! Kannst du dich unseren Lesern kurz vorstellen?

… gerne. Leider habe ich keine wirklich passende Berufsbezeichnung parat. Ich bin ausgebildeter Fotograf und Fototechniker, arbeite seit Mitte der 1990er Jahre mit Adobe Photoshop und seit über 10 Jahren mit cg-Software. Neben klassischen Aufträgen für Werbeagenturen und andere Kunden arbeite ich als Trainer im Bereich Photoshop und Cinema 4D. Zudem bin ich Buchautor und gebe weltweit Seminare zu den Themen Bildbearbeitung und High End Digital Composing.

Bekannt bist du vor allem für deine außergewöhnlichen Photoshop Kunstwerke. Wie würdest du deinen ganz persönlichen Stil bezeichnen und was inspiriert dich?

Den eigenen Stil zu beschreiben ist gar nicht so leicht. Ich würde meine Arbeiten wohl am ehesten als „hyperrealistisch“ bezeichnen: Zunächst glaubt man, eine Fotografie zu sehen – dann setzt der Verstand ein und sagt einem, dass das, was man da sieht, völlig unmöglich fotografiert worden sein kann. Ich „verkaufe“ meinem Betrachter also ein realistisches Motiv, übertreibe den Inhalt aber derart, dass niemand ernsthaft an die reine Fotografie glaubt.

Octopussy
Octopussy © Uli Staiger

Mich inspiriert die krasse Schnittstelle zwischen echtem Leben und der eigenen Vorstellung. Wenn ich meine Umgebung mit meiner Phantasie zusammenbringe, dann entstehen oft sehr skurrile Gedankengebilde. Die muss man ja eigentlich nur noch auf ihre Kernaussage reduzieren und dann dramatisch in Szene setzen. Ich weiß, dass das lächerlich einfach klingt, aber in Wirklichkeit ist die Umsetzung eines Motivs oft recht komplex und macht schrecklich viel Arbeit.

Auf der TYPO Berlin hast du den Zuhörern Einblicke in deine kreative Vorgehensweise bei der Erstellung moderner Werbemotive geschenkt. Wie gehst du hierbei üblicherweise vor?

Jeder neue Auftrag ist eine neue Herausforderung, meist gibt es wenig Routine, auf die man zurückgreifen oder Vergleichsmotive, die man heranziehen könnte. Also steht zu Beginn meist eine Analyse: Welche Elemente werden auf welche Art und Weise erzeugt oder herangeschafft, welchen Zeitrahmen benötigt das Projekt, und, nicht zuletzt: Ist das, was mein Kunde bestellt hat, auch wirklich das, was er haben möchte? Ich muss zu Beginn eines Projektes den Gesamtzusammenhang verstehen. Nur dann kann ich punktgenau gestalten und Design und Aussage perfekt aufeinander abstimmen.

Laubscooter
Laubscooter © Uli Staiger

Was sind für dich die wichtigsten Werkzeuge, die man – neben Kreativität – hierbei benötigt?

Ganz wichtig und oben auf der Liste: den Glauben, dass alles irgendwie möglich ist. Zudem kann auch eine gute Portion gesunder Menschenverstand nicht schaden. Auch wichtig: ein ruhiger Ort, den ich mag. Ich arbeite in meinem Studio vermutlich besser als in fremder Umgebung. Zu den Werkzeugen: Ein Fotostudio ist die Grundlage, ebenso ein gut bestückter Rechner. Darauf laufen Adobe Photoshop, Cinema 4D und eine Reihe wichtiger kleiner Tools. In letzter Zeit immer wichtiger wird ein kleines, hochauflösendes Kamerasystem, damit ich überall Details und Texturen fotografieren kann, die ich für meine Arbeit brauche.

Was ist, wenn du die benötigten Texturen und Details einmal nicht fotografieren kannst? Ist Stockfotografie für dich dann eine passende Lösung?

Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die ich entweder generieren oder mir in Form von Stockmaterial besorgen muss. Texturen gehören selten dazu, denn die kann man fast immer selbst fotografieren. Aber Dinge wie Schneeflächen, besondere Straßen, ausgefallene Objekte wie Ritter, Flaggen oder bestimmte Pflanzen – für solche Dateien nutze ich die fast unendlichen Möglichkeiten von Stockarchiven wie Fotolia oder Adobe Stock.

RUWE_Wintermotiv_2015_16_800px

winter road highway traffic

Strada in Islanda

Snow-capped peaks of the Italian Alps

Arctic spring in south Spitsbergen


Eine deiner Spezialitäten ist die Vermittlung einer hohen Informationsdichte; deine Werke scheinen vor Komplexität und Detailtiefe förmlich zu sprühen. Was steckt dahinter: pure Liebe zum Detail oder High End-Tools?

Weder noch. Natürlich arbeite ich mit den jeweils neuesten Versionen meiner Software. Dennoch nutze ich auch eine Menge Werkzeuge, die schon lange Teil des jeweiligen Programms sind. High-End-Tools sind großartig, aber eben nur ein kleiner Teil der gesamten Werkzeugpalette. Die Details kommen oft verspielt und harmlos daher, sind aber absolut notwendig, um die Bildaussage zu fokussieren und den Betrachter zu fesseln.

Fullspeed
Fullspeed © Uli Staiger

Kernthema der TYPO ist auch die Zukunft des Designs. Wie siehst du das: Wo befindet sich Design heute – und wo siehst du es in zehn Jahren?

Noch nie gab es so viele Produkte, Gebäude oder im weitesten Sinne bildhafte Darstellungen wie heute. Das ist einerseits schön, doch zu häufig scheint mir Design eine Art Selbstzweck zu sein. Was nützt mir eine Headline, wenn ich sie nicht entziffern kann? Für mich ist gutes Design die perfekte Symbiose aus Funktion und Form. Mir scheint, als ob die Form – also die Oberfläche – heute oft einen größeren Stellenwert als die Funktion hat: Mehr Schein als Sein. Perspektivisch betrachtet hoffe ich, dass sich dieses Verhältnis wieder mehr in Richtung Funktion verschiebt.

Uli, wir danken dir vielmals für das interessante Gespräch!

Die Website von Uli Staiger findet ihr hier.

Flaschenpost
Flaschenpost © Uli Staiger