Wie werden sich die Werkzeuge der Designer in Zukunft entwickeln? Die Antwort darauf gibt uns Michaël Chaize, Adobe Creative Cloud Evangelist.

Im Oktober 2014 waren wir alle von diesem Video beeindruckt, in dem präzise Gesten und eine „Kinect“ kombiniert und auf ein Tablet und andere Microsoft-Geräte sofort übertragen wurden. Wann wird das alles möglich sein?

https://youtu.be/PlLR9ANGsOo

Ich liebe dieses Video. Es zeigt einige Entwicklungsweisen für den Umgang auf einem Touchscreen mit unseren Applikationen wie Adobe Photoshop oder Premiere Pro. Ich glaube, es hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil alle Funktionen so natürlich wirken. Wir glauben daran, dass mobile Geräte und Technologien mit Touchscreen den digitalen Designprozess wieder greifbarer machen und dass es einen natürlichen Übergang von den traditionellen Methoden dazu geben wird. Zur Verfügbarkeit ist zu sagen, dass einige Funktionen noch weiterentwickelt werden müssen, andere hingegen warten schon fertig in unseren Laboren und sollten noch in diesem Jahr verfügbar sein.

Gibt es in diesem Zusammenhang eine Vorstellung von Adobe, wie es in den nächsten 10 bis 20 Jahren weitergehen soll? Eine Art Labor für Designer, das zukünftigen Technologien immer einen Schritt voraus ist?

https://youtu.be/89lvzdmuY_Y

Wir haben mehrere Forschungszentren. Ein Zentrum konzentriert sich auf technologische Innovationen, wo beispielsweise neue Bildbearbeitungsverfahren entstehen. Ein weiteres Team befasst sich mit der Nutzung. Mit jeder neuen Interaktionstechnologie wie Kinect, Leap oder Oculus Rift versuchen wir zu verstehen, ob sie den kreativen Prozess verbessern kann. Wenn wir eine Anwendung finden, die es unseren Nutzern ermöglicht, effizienter zu sein oder sich besser auszudrücken, dann bewegen wir unsere Forschung in diese Richtung, um neue Funktionen zu entwickeln. Die neuesten Versionen von Photoshop CC und Illustrator CC haben zum Beispiel neue Werkzeuge und Shortcuts für die Nutzung am Touchscreen. Diese Innovationen sind aus den eben genannten Laborstudien hervorgegangen.

Adobe bietet noch keine wirkliche Blog-Plattform wie „medium“ an. Denkst du, dass es in Zukunft auf etwas Vergleichbares Zugriff geben wird?

Ja, natürlich. Es ist uns sehr wichtig, Werkzeuge anzubieten, die vor allem auf Tablets leicht zu nutzen sind und es jedem ermöglichen, auf kreative Weise eine Geschichte zu erzählen. Unsere neue Seite Standout.adobe.com bietet gerade zwei Werkzeuge an, Adobe Voice und Adobe Slate, mit denen man ganz leicht Geschichten mit einem attraktiven Design teilen und empfangen kann.

Adobe hat nun das erste Hardware-Produkt „Ink and Slide“ herausgegeben. Ist diese neue Art, Objekte mit kreativer Software zu verbinden, ein Beweis dafür, dass Touch-Technologie ein entscheidendes Thema ist?

https://www.youtube.com/watch?v=H227Y_4O4Hg&feature=youtu.be

Ein Eingabestift auf einem Touchscreen ist immer noch die natürlichste Verlängerung unserer Hand. Ink bietet hohe Präzision und eine direkte Verbindung mit der Creative Cloud. Einer der Beiträge der Cloud ist, dass sie zu jeder Zeit den Desktop und mobile Applikationen mit den Personen dazwischen verbinden kann. Der nächste Schritt war es, Objekte wie den Stift und das Lineal für das iPad zu verbinden, um sie in den kreativen Prozess der Creative Cloud einzubinden. Ink ist ein Stylus, der seine Pinsel, Farben und Formen durch die Cloud transportiert. Man kann auch am iPad eines anderen Designers arbeiten und die persönlichen Einstellungen und Design-Elemente werden dabei beibehalten.

Ihr deckt eigentlich alle Bereiche der Gestaltung ab – Web, Video, Sound, Design – aber nicht 3D. Seht ihr einen Punkt in der Zukunft, an dem ihr eine 3D-Software anbieten werdet? Ein „C4D“, das in die Cloud integriert ist?

Viele Gestalter warten schon sehnsüchtig auf dieses Segment von unserer Seite, das allerdings in unseren Programmen schon enthalten ist: mit Photoshop CC kann man 3D-Modelle bearbeiten und in After Effects können 3D-Szenen erstellt werden. Es stimmt, dass wir keine Modellier-Werkzeuge anbieten, das liegt aber daran, dass wir es bevorzugen, mit Anbietern wie Cinema 4D zusammenzuarbeiten. Das Entwickeln einer 3D-Software steht also nicht auf unserer Agenda. Dennoch arbeiten wir immer enger mit Cinema 4D und dessen Integration mit After Effects zusammen. Arbeitsabläufe mit diesen Programmen werden schon in großen Produktionen wie Iron Man und Oblivion genutzt.

Heutzutage treffen bei Photoshop mehr als 20 Berufe aufeinander. Für viele Anfänger ist es nach eigenen Angaben eine komplizierte Software. Warum macht man nicht mehrere Versionen von Photoshop, die an die jeweiligen Arbeitsbereiche angepasst sind?

https://youtu.be/DRYF76Y40Zs

Wir arbeiten an einem experimentellen Projekt, das es ermöglicht, eine minimalistische Benutzeroberfläche in Photoshop hinzuzufügen. Die aktuelle Oberfläche, auch Designbereich genannt, ist für User-Experience-Designer vorgesehen. Dort gibt es eine reduzierte Anzahl an Werkzeugen und neue Shortcuts, um leichter Wireframes zu erstellen und zur „visuellen“ Designphase zu wechseln. Zusätzlich kann man zu jeder Zeit zum Standardmodus mit allen verfügbaren Werkzeugen wechseln. Wir sind momentan in der Phase, in der wir Feedback von unseren Nutzern sammeln; es sieht nach einer vielversprechenden Technologie aus.

Es wird verstärkt davon geredet, zukünftig direkt im Browser zu gestalten. Ist das ein Konzept, an dem Adobe arbeitet? Ist die Übernahme von Aviary ein Zeichen, dass dieser Prozess schon im Gange ist?

Aviary wurde wegen der Erfahrung mit mobilen Apps und der Richtlinien bezüglich der Softwareentwicklungssysteme übernommen. Diese SDK-Richtlinien lassen zu, dass andere Applikationen die Bildbearbeitungsfunktionen von Aviary nutzen können. Neue Werkzeuge im Browser anzubieten ist zwar technisch möglich geworden, aber wir müssen die Probleme mit der Geschwindigkeit des Grafikprozessors, die Speicherkapazität bei hochauflösenden Dateien und die Kompatibilität mit dem jeweiligen Browser in Betracht ziehen und das alles für einen relativ kleinen Nutzen. Trotzdem betrachten wir die Möglichkeit, unsere Applikationen im Browser zu streamen. Ein Testlauf unter dem Namen Photoshop Streaming wurde für den Bildungssektor, welcher Google Chrome Notebooks verwendet, erstellt. Die gesamte Erfahrung von unseren Desktop-Produkten ist auch eine Möglichkeit, die wir in Betracht ziehen, allerdings nur mit Berechnungen auf Serverseite.

Adobe ist wegen seiner zugehörigen Mini-Applikationen immer mehr auf Tablets und anderen mobilen Geräten präsent. Siehst du eine Zukunft, in der man komplett auf Desktop-Applikationen verzichtet?

Für einen Designer ist es wichtig, dass er oder sie sich schnell und möglichst einfach mit dem Werkzeug ausdrücken kann. Wenn die Touch-Geräte eines Tages eine höhere Präzision und Produktivität als die Desktop-Anwendungen ermöglichen, warum nicht. Das ist heutzutage aber offensichtlich noch nicht der Fall. Ich persönlich glaube, dass mobile Geräte und Tablets eine größere Rolle im kreativen Prozess spielen werden, für ganz spezielle Aufgaben wie Farbsuche oder das Erstellen von Formen und Pinseln, die dann das Arbeiten am Desktop beenden. Gestalter wie David Mascha aus Berlin nutzen diese Designprozesse bereits.