Ein kühler Herbstabend lag über dem fotoliaLAB in Berlin, als wir Elena Helfrecht kennenlernten: Sie besuchte uns anlässlich der Vernissage zum DOCMA Award, bei dem sie den ersten Preis für ihr Bild „Human Doll“ gewonnen hatte. Wir konnten sie nicht einfach wieder gehen lassen – wir wollten mehr über diese junge Fotografin und ihre außergewöhnlichen Arbeiten erfahren. Uns hat sie ihre Geschichte erzählt.

Mein Name ist Elena Helfrecht, ich wurde 1992 in Bayern geboren. Ich würde mich nicht als Fotografin im klassischen Sinne bezeichnen – eher als Künstler. Die Fotografie ist mein Medium, aber ich arbeite nicht (oder sehr selten) auf Auftrag, eher frei und aus mir selbst heraus. Ich inszeniere als Autodidakt meine persönliche Realität. Gerade habe ich meinen Bachelor in Kunstgeschichte und Buchwissenschaften abgeschlossen.

Mit 13 oder 14 Jahren habe ich die alte Digitalkamera meines Vaters bekommen. Zuerst habe ich vorrangig Naturmotive festgehalten, Menschen erschienen mir damals nicht bildwürdig. Stück für Stück habe ich dann aber damit begonnen, die Bilder in meinem Kopf, die ich vorher mit Zeichnungen festgehalten habe, fotografisch zu inszenieren (wie heute auch noch oft mittels Selbstporträts). Die Möglichkeit, die rationale Realität in meine persönliche emotionale Realität umzukehren und diese sichtbar zu machen, hat mich sofort fasziniert.

Wahrheit und Metapher

Beim Malen und Zeichnen überwiegt die subjektive Wahrnehmung, während die Fotografie jedes Detail unbarmherzig, akribisch und vor allem gleichgewichtig festhält. Der dokumentarische Charakter der Fotografie ermöglicht einen (scheinbar) ganz anderen Wahrheitsgehalt, der natürlich trotzdem noch viel manipuliert und verändert werden kann, um den gewünschten Eindruck beim Betrachter zu erzielen. Ich habe sehr oft das Gefühl, dass viele Menschen Fotografien als der Realität näher empfinden – selbst, wenn diese stark nachbearbeitet wurden.

„Emesis“ ist eines meiner bekanntesten und gleichzeitig auch metaphorischsten Bilder. Die Wespe in meinem Mund symbolisiert das Wort und die damit verbundene Macht. Verbale Gewalt richtet mindestens genauso viel an wie physische Gewalt – Emesis, also das (bewusste) Erbrechen, steht in diesem Kontext wohl vor allem für Reue und den Wunsch nach Selbstkontrolle.

Emotion ist alles – manchmal auch schonungslos

Meinen Stil würde ich oft als schlicht und brutal beschreiben. Ich zeige Sachverhalte sehr schonungslos und enthüllend. Mittlerweile bearbeite ich meine Bilder auch bei weitem nicht mehr so stark wie früher. Ich habe den Anspruch, dass alles, was sich wirklich darstellen lässt, auch echt sein muss. Narben, Wunden, Insekten im Mund. Trotzdem versuche ich, den Bildern auch ihren poetischen Gehalt durch die scheinbare Rohheit nicht zu rauben. Vielleicht wandern meine Bilder auf einem schmalen Grat zwischen Gewalt und Zerbrechlichkeit.

Meine Bilder verfolgen eigentlich nur ein großes Ziel: Emotionen. Ich möchte Emotionen im Betrachter wecken und zum Nachdenken anregen. Ich hinterfrage ständig gängige Schönheitsideale und zeige die Schönheit im Abgründigen. Meine Bilder erzählen Geschichten – momentan arbeite ich fast nur noch in Serien, auch wenn diese manchmal nur aus drei Bildern bestehen.

„Inside“ ist ein Teil meiner Serie “Rituals”, die bisher aufwändigste Bildserie, die ich bis jetzt geschaffen habe. Dafür bin ich wirklich an meine Grenzen gegangen. “Rituals” ist eine Serie aus Selbstporträts. Ich habe mich dabei erkältet und hatte tagelang Schmerzen am ganzen Körper, denn ich bin in und auf Bäume geklettert und durch das Unterholz gestolpert.

Auf der Suche

Momentan arbeite ich an langwierigeren Projekten. Eines beispielsweise ist die Illustration der großen Arkana – eines mit einem befreundeten Zauberkünstler geplanten Tarot-Sets. Da werde ich mich wohl auch von meinen gegenwärtigen Einstellungen wegbewegen und wieder sehr surreal mit viel Manipulation arbeiten. In einem anderen Projekt werde ich mit einem Schriftsteller, dessen Arbeit ich unglaublich schätze, zusammenarbeiten und verschiedene Geschichten illustrieren (bzw. schreibt er Geschichten zu einigen meiner Bilder).

Außerdem habe ich begonnen, mich auf dem Microstock-Markt zu bewegen. Fotolia war mir schon sehr lange ein Begriff. Richtig darauf aufmerksam geworden bin ich allerdings erst durch meinen Sieg beim DOCMA Award und die darauffolgende Ausstellung im fotoliaLAB. Inzwischen habe ich ein Fotolia Portfolio angelegt und fange langsam an, es mit Arbeiten zu bestücken.

Black Soul

Ich bin außerdem immer auf der Suche nach interessanten Menschen, die sich von mir fotografieren lassen wollen und neue Seiten an sich entdecken. Wenn ich mit Models arbeite, ist die Voraussetzung, dass ich sie kennenlerne und emotional verstehe. Körperliche Perfektion ist absolut keine Voraussetzung. Ich liebe Körper und Gesichter, die Geschichten erzählen. Wenn ich jemanden fotografiere, setzt oft ein therapeutischer Effekt ein.

„Arise“ ist die erste Serie, die ich bewusst mit einem Model umsetzte. Der Vater des Models ist Jäger. Nach einer Jagdsaison – leider werden die Populationen einfach zu groß, weil Krähen fast keine natürlichen Feinde haben – bewahrte er einen der Vögel für unser Konzept im Gefrierschrank auf. Zudem hat die Serie einen hohen emotionalen Gehalt, da das Model (sie möchte nur als „Amaryllis“ genannt werden) eine sehr gute Freundin ist und es für sie einen wichtigen Abschluss darstellt.

Ich glaube, es ist generell wichtig, Kritik anzunehmen und konstruktiv damit umzugehen. Auch Rückschläge sind eine Form von Kritik. Fehler sind nichts Schlechtes, eher eine positive Notwendigkeit, um zu lernen (solange nicht derselbe Fehler zweimal passiert). Egal wie lange es dauert, zu erreichen, was man sich wünscht – man darf niemals aufgeben. Hindernisse bringen manchmal Umwege mit sich, die ganz neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffnen. Alles hat sein Gutes.

Herzlichen Dank für deine Geschichte, Elena! Wir sind schon sehr gespannt auf deine nächsten Projekte und auf viele weitere Fotografien!

Mehr von Elena Helfrecht findet ihr auf ihrer Website, auf Facebook, Tumblr, Deviantart und in ihrem Fotolia Profil.