Thomas Ruff in der Johnen Galerie Berlin

jpegs, 03.06.06-29.07.06
Thomas Ruff ist einer der deutschen Top-Fotokünstkler. Bezeichnenderweise hat er bereits 1989 (!) fremdes Stockmaterial in seiner Sternenhimmelserie verarbeitet und intgriert. Wer sich gerade in Berlin aufhält sollte sich diese Ausstellung auf keinen Fall entgehen lassen.

Mit seinen neusten, erneut großformatigen, Fotoarbeiten der „jpegs“-Serie verfolgt Thomas Ruff sein bekanntes Interesse an der mechanischen Herstellung und Bearbeitung von Bildern weiter. Hier experimentiert Ruff mit dem gleichnamigen Bilddatei-Komprimierungsformat, welches insbesondere für die Aufbereitung und Optimierung digitaler Bilder zur Anzeige auf dem Computerbildschirm und die Weitergabe via Internet genutzt wird. Zur Minimierung der Datenmenge werden alle Informationen, welche die mit vergleichsweise niedriger Auflösung arbeitenden Monitore zur realitätsgetreuen Wiedergabe nicht benötigen, verworfen. Zudem werden die übrigen Daten der Bildeinheiten in Gruppen zusammengefasst gespeichert.

Ebenso wie der Computermonitor benötigt das menschliche Auge lediglich eine relativ geringe Anzahl von Angaben pro Bildeinheit, der zum Erkennen nötige Rest wird bei der Interpretation durch das Sehzentrum des Gehirns ergänzt. Auf diese gewisse Unschärfe konzentriert sich Ruff in dieser Serie. Das auf Rasterung beruhende Komprimierungs-Verfahren hat in der starken Vergrößerung der jpegs, die Ruff vornimmt, sichtbare Pixellinien und die Anzeige in einem „Schachbrettmuster“ zur Folge. Die Auswirkungen der Reduzierung digitaler Bilder, der unwiederbringliche Informationsverlust, werden so sichtbar.

Wie bereits für frühere Serien, beispielsweise die „nudes“ oder „Substrate“ geltend, findet Ruff die Motive der jpegs meist im Internet. Seine Auswahl aus der Bildwelt unseres Alltags eröffnet ein enzyklopädisches Archiv, eine Art Bildlexikon zeitgenössischer Geschichte. Die Verwendung gefundenen Materials verleiht der Bildgruppe einen sachlichen, fast dokumentarischen Charakter. Um so schärfer kontrastiert die scheinbar objektive Abbildung des Realen mit der Darstellungsweise. Erscheinungsbild und Inhalt fallen auseinander, sie überlagern sich als unvereinbare Ebenen. Durch die Auflösung der Motive bis hin zur Unkenntlichkeit kappt Ruff deren Verbindung zur Realität. Mit Skepsis gegenüber ihrem Wahrheitsgehalt manipuliert Ruff die Bilder bzw. unsere Wahrnehmung. Er legt die Degeneration der uns umgebenden Bilder sowie unsere Konditionierung durch die heutigen Bildverbreitungs-Medien offen, die in unserer Bereitschaft gipfelt, gerade kaum lesbare, unscharfe Bilder als besonders authentisch anzusehen.

JOHNEN GALERIE
Schillingstr. 31
10179 Berlin
Germany

Dienstag - Samstag 11 bis 18 Uhr

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Geposted von Dittmar am 17:31, Juni 6 2006

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