Noch vor wenigen Tagen konnte man im T-Shirt auf Fotostreifzug gehen und überall juchzten glückliche Menschen auf grünen Wiesen blauen Himmeln entgegen. Doch nun ist es nicht mehr zu verleugnen: Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Die Tage werden kürzer, das Licht weniger und der Regen mehr. Graue Himmel und böiger Nord-West-Wind. Außenaufnahmen werden zur Qual. Bonjour Tristesse! Was tun? Ich gebe Ihnen zusammen mit unserem Foto-Experten Martin Ruge in den nächsten Wochen einen Ausweg aus dem grauen Alltag zeigen und Anregungen geben, wie ein ambitionierter Stock-Fotograf die Stille Zeit für sein Hobby nutzen kann. Denn es gibt noch andere, weitaus produktivere Wege als den Weihnachtsbaum zu fotografieren, den man ohnehin besser bereits im Hochsommer in Szene gesetzt hätte.

Okay. Im ersten Abschnitt geht es ums Archivieren und darum, wie man brauchbares Archivmaterial ortet, sichtet, extrahiert und korrigiert. Grundsätzlich haben eigentlich alle Fotografen das gleiche Problem. Sie rennen stets den Finger fest auf den Auslöser gepresst durch die Gegend, wenn es aber darum geht das entstandene Material auszuwerten, wird es beim Überspielen auf den Computer zwar kurz gesichtet, aber danach versauern die Dateien auf der Festplatte. Dies ist eine Workflow-Problematik, mit der sich alle Fotografen mehr oder weniger gut herumschlagen. Da fällt mir ein, was mir unser Hausmeister einmal zurief, als ich nach mehreren Aufforderungen endlich ein paar Kisten aus dem Hausgang in mein Kellerabteil schleppte: “Du darfst keine Angst vor der Arbeit haben – die Arbeit muss vor Dir Angst haben!” Also ran an den Speck!
Wir konzentrieren uns mit dieser Serie auf analoges Material in Form von Dias, sie gibt aber auch viele Anregungen und Hilfestellungen für das digitale Archiv. Heute behandeln wir das Orten und Sichten.
1.1 Material orten
Viele Fotografen haben irgendwo in der Wohnung Massen dieser grauen, stapelbaren Plastikkisten aufgetürmt, in denen hochwertiges Material schlummert und nur darauf wartet der Allgemeinheit zugänglich gemacht zu werden. Jetzt ist die Zeit diese Kisten mal rauszukramen, den Staub herunter zu blasen (Höhe der Staubschicht in mm = Jahre seit Anschaffung der ersten Digicam) und sich die Bilder mal wieder zu Gemüte zu führen. Diese sind sicherlich brav nach Daten und Anlässen sortiert: Hochzeit 1970, Geburt und Taufe des Kindes 1973, Einschulung 1979, Konfirmation, Firmung oder Jugendweihe 1986 und Omas unvergesslicher 70ster 1989, als Onkel Willi sich im Vollrausch nackt ausgezogen hat, sowie diverse Weihnachten, Sylvester, Karnevale, Geburtstage und Betriebsfeiern. Waren das Zeiten! Jetzt sollte man jedoch langsam wieder vom emotionalen Parkett schliddern und das Material auf kommerzielle Verwertbarkeit überprüfen. Großteile des Repertoires werden zu privat sein bzw. heutzutage alt und schnarchig wirken. Ein Superbild ist jedoch zeitlos und verkauft sich immer.
Natürlich sind Fotos mit Menschen drauf – Neudeutsch: People-Fotografie – immer lohnenswerter als die vom Haushund oder Blumenbeet, bedürfen aber einer Modelrelease. Die müsste nach dem Ableben von Onkel Willi (Kiste 73: Silberne Hochzeit Mai 95 bis Beerdigung Onkel Willi November 95) dann Tante Martha unterschreiben. Sehr interessant sind Aufnahmen, die den damals vorherrschenden Zeitgeist in Form einer typischen Szene oder eines typischen Mode- oder Einrichtungsstils darstellen. Beispielsweise eine Fotoserie „Herrenbeinkleider im Wandel der Zeit“: Nietenhosen (50er), ohne Hosen (60er), Schlaghosen aus Trevira (70er), asymmetrisch geschnittenen Hosen (80er) und Techno-Trainingshosen (90er). Weitere interessante Motive wären KlickKlackKugeln, US-Bicentennial T-Shirts, Mark Spitz Badehosen, dämliche NDW-Haarschnitte, die komplette Spannbreite der Ostalgie (keine Marken bitte!), Schrankwände voller Nippes, Plateauschuhe und Discotreter sowie Onkel Willis prima Partykeller-Shots.
1.2 Material sichten
Wenn nun die richtigen Boxen gefunden und vom Staub befreit wurden geht es ans Sichten. Also erst mal wieder runter in den Keller traben und den Leuchttisch suchen. “Liebling, ich war im Keller. Wo ist denn mein Leuchtkasten abgeblieben?” “Den habe ich doch vorletztes Jahr für 5 Euro verebayt, Schatz!”. Nachdem man dann mit dem einstmals sündhaft teuren Zwölfhundertmarkdiaprojektor und einer Leinwand bewehrt wieder aus dem Keller zurückgekehrt ist, stellt man fest, dass sich die inzwischen mürbe gewordene Mechanik doch in die andere Richtung gedreht hätte (knacks!) und die Silberionenbeschichtung über die Jahre zu leuchtend grünem Schimmel degradiert wurde. Egal. Wand frei räumen. Licht aus. Wenigstens der Projektor funktioniert noch 1a und auch die kabelgebundene Fern(hahaha)bedienung versieht immer noch ihren Dienst. Bei all der aufkommenden Nostalgie darf man jetzt aber nicht alles bislang in der Stockfotografie Erlernte vergessen und sollte systematisch rangehen. Welche Motive verkaufe ich heute gut? Welche Themen sind die Topseller bei Fotolia? Aber stets auch: Was gibt es noch nicht? Und vor allem: Welchen kommerziellen Verwendungszweck kann ich für dieses Foto voraussehen? Onkel Willi könnte vielleicht prima in einem Magazins platziert werden, das eine Bildstrecke dem FKK-Stil der späten 80ger widmet, doch es gibt weitaus lohnenswertere Themen.
Das ganze obliegt nun Ihrer (selbst-)kritischen Beurteilung, Ihrem Geschick und Gespür. Wir haben in einem früheren Beitrag bereits erörtert, welche Bilder bei Fotolia gesucht und dann tatsächlich auch gekauft werden. Machen Sie es sich bequem und lassen Sie die Show beginnen. Wir wünschen eine ertragreiche und unterhaltsame Reise in die Vergangenheit!